Meditation


Impuls

Auf meinem Weg nach Ingelheim grünt und blüht es momentan mit Macht: Belaubte Weinreben sind da zu sehen, üppig behangene Obstbäume, wogende Ähren und Wiesen. Daneben leuchten bunte Wildblumen. Der Klatschmohn zieht meinen Blick besonders an. Wenn die Mainzer Häuser hinter mir liegen und mich die flammendroten Blüten vom Straßenrand grüßen, überkommt mich ein Hochgefühl. Dann bin ich dankbar als Teil der Schöpfung ihre Schönheit genießen zu dürfen und denke an die Freiheit, die Gott der Erde beim Hervorbringen der Pflanzenvielfalt gelassen hat. Gleichzeitig fällt mir auf: Klatschmohn wächst dort, wo nichts Anderes wachsen soll. Auf den intensiv bebauten Feldern scheint kein Platz für ihn zu sein. Hier übt der Mensch seine Freiheit als Sachwalter der Schöpfung aus. Muss es also immer auf ein Entweder Oder zwischen unserer Freiheit und der anderer Geschöpfe hinauslaufen?

Zumindest im Falle von Mensch und Klatschmohn geht dieser Gegensatz nicht auf. Beide leben schon seit Menschengedenken Seite an Seite. Klatschmohn wurzelt bevorzugt auf Äckern und Feldern und hat sich im Gefolge des Menschen weltweit verbreitet. Der Mensch nutzt(e) ihn seinerseits als Heil-, Speise- und Zierpflanze – ein schönes Beispiel für friedliche Koexistenz, zumindest, wenn auf den übermäßigen Einsatz von Pestiziden verzichtet wird.

Auch in der christlich-religiösen Symbolik erwuchs der Pflanze ein fester Platz. Der Anblick eines mit rotem Klatschmohn gesprenkelten Kornfelds lässt sich als Verweis auf Leib und Blut Christi deuten. Beides empfangen wir beim Abendmahl in Brot und Wein im Glauben an Jesus Christus. Die darin liegende Hoffnung auf neues Leben ist es, die uns Menschen mit der „außermenschlichen“ Schöpfung verbindet.

Liebe Gemeinde, im diesjährigen Urlaub sind zahlreiche Kulturlandschaften und Geschichten wie die vom Klatschmohn zu entdecken – ich freue mich darauf. Übrigens, etwas von der erwähnten Hoffnung sehe ich derzeit auf meinem Weg zurück nach Mainz. Dort hat ein Bauer beim Mähen inmitten seines Feldes einen Streifen stehen lassen. Aus ihm leuchtet es hervor: flammendrot und verheißungsvoll!


Einen schönen Sommer wünscht Ihnen

Ihr Vikar Andreas Bösche